Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften (ZSE)
Jahrgang VIII, Heft 1 (2010)


Horst Dreier, Friedrich Wilhelm Graf und Joachim Jens Hesse

Staatswissenschaften und Staatspraxis: ein herausfordernd prekäres Verhältnis


Das nie einfache und einer kontinuierlichen Diskussion ausgesetzte Verhältnis von Staatswissenschaften und Staatspraxis findet aufgrund zweier komplementärer Entwicklungen neue Aufmerksamkeit: endogen durch jene Herausforderungen tradierter Staatlichkeit, die sich mit Veränderungen der demographischen, ökonomischen und sozio¬kulturellen Rahmenbedingungen verbinden, sowie exogen durch jene Grenzüber¬schrei¬tungen, die im Gefolge von Europäisierungs- und Globalisierungsprozessen (samt damit einhergehender Souveränitätsverluste) erkennbar werden. Der nachfolgende Beitrag summiert die theoretischen und empirisch-analytischen Schlussfolgerungen, die die Autoren aus den Beiträgen des vorangehenden ZSE-Themenhefts (3-4/2009) ziehen. Im Ergebnis erweist sich das Verhältnis von Staatswissenschaften und Staatspraxis als gleichermaßen prekär wie herausfordernd. Prekär, weil die heutigen Anforderungen an das deutsche Regierungssystem von einer – trotz stabiler Ausgangssituation – „gefährdeten Stabilität“ sprechen lassen, und herausfordernd, weil die schnellen Veränderungen der Rahmenbedingungen oberste Bundesorgane wie gebietskörperschaftliche Einrichtungen unter einen kontinuierlichen Anpassungs-, in Teilen auch Reformdruck stellen.

The ongoing debate on the development of the public sector and according forms and functions of traditional “statehood” has gained renewed attention due to two complementary developments: the endogenous challenge of rapidly changing economic, demographic and socio-cultural framework conditions, and the exogenous pressures due to the ongoing processes of Europeanisation and globalisation. The following paper summarises theoretical and empirico-analytical conclusions drawn from the theme-specific contributions to a special issue of the ZSE (3-4/2009). The relationship between the performance of the public sector and the analytical reflections among lawyers, economists and social scientists is seen as both precarious and challenging: precarious due to a situation described – despite stable pre-conditions – as “endangered stability”, and challenging as a result of the considerable pressures to adapt to an ever-changing environment and to seek solutions that demand a closer interaction of academic analyses and practical adjustment.