Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften (ZSE)
Jahrgang VII, Heft 3-4 (2009)


Friedrich Wilhelm Graf

Kirchen und Christen im demokratischen Verfassungsstaat


Trotz immer wieder beschworener Niedergangsszenarien sind die beiden großen deutschen Volkskirchen weiterhin bedeutende gesellschaftliche und auch politische Akteure: Mehr als 50 Mio. Mitglieder wissen um die seelsorgerischen wie sozialen, nicht zuletzt aber auch ethischen Dienstleistungen dieser auf vielen Ebenen mit dem Staatswesen verbundenen Organisationen. Beide mussten sich den erfolgreichen Umgang mit der bundesdeutschen freiheitlichen Demokratie erst in mühsamen Lernprozessen erarbeiten; gelegentlich tun sich ihre Würdenträger auch heute noch schwer damit, ihre interne Diskurshoheit nicht mit einem gesamtgesellschaftlichen Deutungs- und Lenkungsanspruch zu verwechseln. Dennoch motiviert der Glaube weiterhin viele Menschen zum gesellschaftlichen Engagement, nicht nur bei den großen Sozialholdings Diakonisches Werk und Caritas, sondern auch im Rahmen kleinerer, meist lokaler Projekte. Eine gelungene Verbindung von demokratisch verfasstem Staat und institutionalisiertem Glauben bedarf daher eines gemeinsamen Diskursverständnisses, das im Sinne der Tradition des liberalen Kulturprotestantismus die rational vorgetragene Haltung der jeweils anderen (und des freien Individuums) ernst nimmt und davon absieht, Alleinvertretungsansprüche zu erheben.

Notwithstanding prophesised scenarios of organisational decline, both large German Volkskirchen remain important social as well as political actors: more than 50 million members know of the pastoral, social as well as ethical services provided by the ‘people’s churches’, which still maintain strong links to the state on several levels. Both organisations had to go through difficult processes of learning how to deal successfully with (West) Germany’s post-war democracy. Even today, some of their representatives find it difficult not to confuse their internal discursive dominance with an overarching authorisation to define the social and political agenda. Nevertheless, faith motivates many people to take on social responsibilities, be it in the large ‘social holdings’ Diakonisches Werk and Caritas or in small-scale projects at the local level. Any successful connection of democratic statehood and institutionalised religion, in the tradition of liberal cultural Protestantism, thus requires a common understanding of discursive practice that takes seriously the rational argument of the respective other side (or any free individual) and refrains from claiming exclusive moral, social, cultural and political authority.