Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften (ZSE) /
Journal for Comparative Government and European Policy
Jahrgang / Volume IV, Nr. / No. 3 (2006)


Jörn Leonhard

Europäisches Deutungswissen in komparativer Absicht: Zugänge, Methoden und Potentiale

Gegenüber der in vielen Beiträgen zu Europa vorherrschenden Konzentration auf die Vereinheitlichung europäischer Institutionen durch Integrationsprozesse und dem Fokus auf vermeintlich unifizierende Europäismen wie „Aufklärung“, „Liberalismus“ oder „Zivilgesellschaft“ präsentiert dieser Beitrag einen historisch-analytischen Zugriff, der die Vielgestaltigkeit und Ungleichzeitigkeit als Kennzeichen europäischer Entwicklungsprozesse betont. Europa erscheint dabei als Ergebnis pluraler Erfahrungsgeschichten, die sich diachron durch die Untersuchung der langen Dauer von Entwicklungsprozessen und synchron durch den Blick auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede europäischer Gesellschaften sowie auf Austauschprozesse zwischen diesen Gesellschaften in ihrer jeweiligen historischen Zeit ergeben. Geschichtswissenschaftlicher Vergleich, Transferanalyse sowie Verflechtungsgeschichte werden als Analysemethoden vorgestellt. In einem zweiten Schritt werden die theoretischen Prämissen einer Erfahrungsgeschichte und ihre Probleme am Beispiel der komparativen Semantik näher erläutert. Abschließend wird am konkreten Beispiel des politisch-sozialen Deutungsmusters „Liberalismus“ und seiner historischen Semantik in Europa das Potential dieses Untersuchungsansatzes vorgestellt.

In contrast to many contributions on Europe, in which the prime focus is on homogenisation through integration, and on apparent unifying European concepts, such as Enlightenment, Liberalism or Civil Society, this paper presents a historical-analytical programme in order to underline diversity in space and historical time. In this perspective, Europe is seen as a result of multiple histories of experiences, defined by diachronic change and synchronic diversity as well as by interaction and exchange between societies within their respective historical time. After introducing comparison, transfer analysis and entangled history as analytical paradigms, the following considerations present the premises and hermeneutical problems of a comparative historical analysis of political and social semantics. A closing chapter looks at an example of a key concept, Liberalism, and its semantics in European comparison in order to demonstrate the potential of such an approach.