Zeitschrift für Staats- und Europawissenschaften (ZSE) /
Journal for Comparative Government and European Policy
Jahrgang / Volume III, Nr. / No. 1 (2005)


Christian Seiler

Staatliche Souveränität und völkerrechtliche Einflüsse auf das Familienrecht

Das Bundesverfassungsgericht hat sich jüngst zur Souveränität Deutschlands bekannt. Über-staatliches Recht (einschließlich des Europarechts) bedarf innerstaatlich eines Rechtsanwen-dungsbefehls, der unter einem verfassungsgerichtlich durchsetzbaren Vorbehalt unverzichtba-rer Grundgesetzinhalte steht. Auch die Europäische Menschenrechtskonvention gilt inner-staatlich nur im Rang eines Gesetzes, das neben anderen steht, mit ihnen abgestimmt werden muss, aber auch durch sie überwunden werden kann. Das Bundesverfassungsgericht verleiht ihr gleichwohl eine partiell verfassungsähnliche Wirkungsweise, indem es seine Kontrolldich-te unter Berufung auf das Rechtsstaatsprinzip intensiviert und sie auf die Interpretation der deutschen Grundrechte ausstrahlen lässt. Der verbleibende Vorbehalt innerstaatlicher Nicht-anwendung trägt der geringeren funktionalen Eignung überstaatlicher Gerichte Rechnung, eine Einzelfrage im Gesamtkontext einer nationalen Rechtsordnung zu entscheiden, was am Beispiel des Schutzes der Familie deutlich wird. Ein sinnvolles Ergänzungsverhältnis beider Grundrechtsebenen sollte daher den Subsidiaritätsgedanken in die Interpretation überstaatli-cher Menschenrechtsverbürgung aufnehmen.

The German Federal Constitutional Court has lately confirmed Germany’s legal sovereignty. International law (including EU law) needs to be specifically transformed into national law, standing there under control of the domestic Supreme Court in order to protect fundamental constitutional decisions. The European Human Rights Convention, thus, gains the internal rank of a regular law, which stands next to other laws and has to be integrated into their legal system. Nevertheless, the Constitutional Court partly handles the Convention such as national constitutional law, by impacting on its understanding of the Rechtsstaatsprinzip (rule of law) and by interpreting national basic rights in the light of the Convention. The internal priority of the Grundgesetz (German Basic Law) reacts to the sometimes lower ability of international courts to solve legal problems within the frame of a national legal order and its values, which can be explained by the example of family law. The idea of subsidiarity should, thus, be inte-grated into the interpretation of international human rights.